HSG Siebengebirge

10. Mai 2020: Unerwartet und abrupt endete im März die erste Saison einer weiblichen Jugendmannschaft der HSG Siebengebirge in der Regionalliga Nordrhein. Das Team bereitet sich schon auf die neue Spielzeit 2020/2021 vor, die man nach einem Jahr in der B-Jugend gleich in der A-Jugend bestreiten wird. Zu groß sind die Lücken in den Jahrgängen und auch die Gefahr, dass der Damenbereich zu spät unterstützt werden kann. Bevor es demnächst wieder richtig mit Handball losgehen kann, wollten wir noch einmal die vergangenen Spiele Revue passieren lassen und Trainer Axel Breme zu Wort kommen lassen.

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Die weibliche B-Jugend der HSG: ein eingeschworener „Haufen“

HSG: Axel, wir haben ja schon etwas zur neuen Saison und zur Mobilisierung des Teams in den Tagen ohne Hallentraining gehört. Gern würden wir nochmal auf die abgelaufene Regionalliga Saison zurückkommen wollen.

Wir haben viel darüber berichtet und konnten leider keinen Punktgewinn vermelden. Die Saison endete dann auch schlagartig nach 16 von möglichen 18 Spielen auf Platz zehn des Zehnerfeldes. Da ist die erste Frage natürlich, ob Du schon Zeit hattest die sportliche Leistung abschließend zu beurteilen?

Axel Breme: Die Beurteilung der Leistung der Mannschaft erfolgt bei uns nicht einmalig am Ende der Saison, sondern Spiel für Spiel. Insofern ist es für uns als Betreuerteam immer oberste Priorität, den Lernfortschritt der Mannschaft und jeder einzelnen Spielerin Schritt für Schritt im Laufe einer Saison genau zu beobachten. Und Lernfortschritt bedeutet für uns zum einen, wie sich sowohl die individuelle Entwicklung, und zum anderen wie sich die mannschaftsstrategische Qualität entwickelt hat.

Was können wir in Summe aller Eindrücke also festhalten.

Zunächst einmal war es eine sehr schwere Saison. Wenn Teams wie der Vorjahresmeister VfL Gummersbach in dieser Saison mit uns im unteren Teil der Tabelle stehen, bekommt man ein ganz gutes Gefühl dafür, wie stark die Liga dieses Jahr war, auch wenn die Saison wegen der Corona-Krise leider nicht zu Ende gespielt werden konnte und abgebrochen wurde. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Konzentration der leistungsstarken Spielerinnen in den Vereinen im Nord- und Mittelrhein eine Wucht entfaltet haben, die es für jeden Neuzugang in der Regionalliga schwer macht, mitzuhalten.

Wir haben bewusst jüngere Jahrgänge, die eigentlich noch wC-Jugend hätten spielen können, auf diese Lernreise mitgenommen, um eine möglichst hohe Lernkurve bei den Potentialspielerinnen der HSG Siebengebirge im frühen Jugendalter erreichen zu können. Dies führte dann dazu, dass wir die mit Abstand jüngste Mannschaft im Starterfeld der wB-Jugend der Nordrheinliga gestellt haben. Nur ein Beispiel: beide unserer Torhüterinnen, sind altersmäßig noch C-Jugend, haben also gegen Gegnerinnen in der wB Jugend gespielt, die bis zu 3 Jahre älter waren. Das ist im Jugendhandball ein immenser Unterschied. Und dennoch haben, um dies nur einmal an unserer Torhüterinnen aufzuzeigen, beide Mädchen ihre Sache großartig gemacht. Wir sind sehr stolz, dass eine der beiden wegen ihrer hervorragenden Leistungen zur DHB Sichtung nach Heidelberg eingeladen wurde und dort einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat.

Neben dem Altersunterschied haben wir zusätzlich gegen Teams gespielt, die von jeher den Mädchenhandball in ihren Förderprogrammen, abgeleitet von der Frauen-Bundesliga bis hin zu Frauen-Regionalligisten, haben. Das ist insofern wichtig zu wissen, weil natürlich viele junge Talente gezielt von diesen Clubs angesprochen und abgeworben werden, um den Nachwuchs für den hochklassigen Frauenhandball dort rechtzeitig zu sichern. Genau gegen diese zusammengestellten Teams mit Spielerinnen, die zu besten im Nord- und Mittelrhein gehören, sind wir dann in den sportlichen Wettkampf gezogen. Mit Handballerinnen, die fast alle in der HSG Siebengebirge entwickelt und aus den eigenen Reihen kommen. Und da muss man sagen, haben wir an fast jedem Spieltag den starken Teams Paroli bieten können, auch wenn dies über die Gesamtspielzeit noch nicht gereicht hat und wir Niederlagen hinnehmen mussten.

Insofern ist mein Fazit, dass unser Club, die HSG Siebengebirge, hier die ehrliche Antwort, wie schön Mädchenhandball auch ohne das ewige Gezerre um Abwerbungen eben auch höherklassig funktionieren kann, gegeben hat. Wir haben insofern mit unseren Möglichkeiten vermutlich mehr geleistet, als die eine oder andere “Retortenmannschaft“, die als Sieger von der Platte gegangen ist.

Daher ziehe ich meinen Hut vor jeder unserer Spielerinnen. Was uns ein wenig betrübt hat ist, dass wir leider in dieser Saison sehr viel Pech mit Verletzungen hatten, die in dieser Altersgruppe eher die Ausnahme sind. Wir mussten zwei Spielerinnen mit Kreuzbandverletzungen sowie eine Spielerin mit einem Schienbeinbruch ersetzen. Hinzu kamen diverse Fuß-Bänderverletzungen mit mehrwöchigen Ausfallzeiten. Aber all das hat nie dazu geführt, dass die Mannschaft gejammert oder mit ihrem Schicksal gehadert hat. Im Gegenteil, hier ist etwas zusammengewachsen, an dem die HSG Siebengebirge noch viele Jahre Freude haben wird. Also, von Trainerseite drei Daumen hoch für diese jungen Spielerinnen.

HSG: Neben der sportlichen Leistung gibt es weitere wichtige Indikatoren für Erfolg und Erreichung von Zielen. Welche waren Dir und den Mädels wichtig? Konntet Ihr diese aus Deiner Sicht erreichen?

AB: Für uns waren unter anderem drei Dingen wichtig.

Zum einen haben wir während der Saison genau darauf geschaut, wie sich jede einzelne Spielerin im Teamgefüge entwickelt. Gute Handballerinnen erkennt man natürlich immer an ihren individuellen Fähigkeiten. Aber mindestens genauso wichtig, ist das Verhalten und das Engagement im Training und Ligabetrieb in der Gruppe. Wie verhält sich eine Spielerin unter Druck in schwierigen Spielsituationen. Wird Verantwortung übernommen oder Verantwortung verschoben. Wie geht das Team mit Niederlagen trotz eines hohen Trainingspensums um, und so weiter.

Zum zweiten ist die Ausprägung eines Siegeswillens im Handballsport extrem wichtig. Spiele werden oftmals in den letzten Minuten entschieden. Das bedeutet für jede Handballerin eine Bereitschaft, individuellen Frust im Spielablauf schnell wegzustecken und für das Team da zu sein, auch wenn es manchmal schwerfällt. Dieser unbändige Willen, an sich und seine Mannschaft trotz Rückschlägen zu glauben, kennzeichnet eine gute Spielerin und ein gutes Team. Wir vermitteln in unserer Arbeit mit den Jugendlichen immer die Philosophie, dass nicht die Spiele, die wir verlieren unsere Niederlagen sind, sondern nur die Spiele, die wir uns als Team nicht trauen, zu spielen.

Als drittes ist es für uns maßgeblich, auch sportpädagogisch den jungen Spielerinnen das Rüstzeug für ein „langes“ Sportlerinnen-Leben mitzugeben: Die Freude an der Bewegung, an der immensen Vielfalt unseres Sports und dem unerreichbaren Teamerlebnis im leistungsorientierten Jugendbereich in jeder Trainingseinheit immer wieder und wieder zu vermitteln. Das ist eine zentrale Aufgabe der HSG Siebengebirge und von uns Trainer/innen.

Und ja, in allen drei Bereichen konnten wir erkennen, was für großartige Sportlerinnen hier am Beginn ihrer Reise durch ein erfolgreiches Handballerinnen-Leben sind.

HSG: Wie fällt also Dein Gesamtfazit aus? War es richtig, diese Saison in der Regionalliga mitzunehmen trotz der fehlenden tollen Erlebnisse, die ein Punkt oder Sieg nun mal mit sich bringen?

AB: In jedem Fall ja. Jede ambitionierte Sportlerin und jeder ambitionierte Sportler will sich mit den Besten messen. Die Mannschaft hat diese Herausforderung sehr positiv und sehr mutig angenommen.

HSG: Was war Dein schönstes Erlebnis?

AB: Da gab es ganz viele. Ich muss gestehen, dass es nicht ein Training oder ein Spiel gab, an dem es nicht eine tolle Erfahrung war, mit diesen Spielerinnen zu arbeiten. Das ist eine sehr nette Truppe. Alle haben Ihr Herz am rechten Fleck und sind in ihrer Unterschiedlichkeit einfach ein perfektes Team. Zudem sind sie als Jungspielerinnen allesamt sehr handballbegeistert und talentiert.

HSG: Was hat Dir in der Saison gar nicht gefallen?

AB: Es ist ja kein Geheimnis, was ich über das gezielte Abwerben von Spielerinnen und Spielern im Jugendalter bis 16 Jahren denke. Wenn Vereinsvertreter Spiele nutzen, um sich Namen und Alter aus den Spielberichten aufzuschreiben, um danach deren Eltern anzurufen. All das hat sich auch in der zurückliegenden Saison leider nicht verändert. Es ist ein Unding, wie sich einige Clubs hier nicht an die Regeln des Fair Play und den offenen Kontakt zwischen Trainerkolleginnen und -kollegen halten. Denn uns allen ist doch daran gelegen, den besten Nachwuchs an Spielerinnen für den deutschen Handballsport zu entwickeln. Und das geht im Jugendbereich nur im Schulterschluss der Vereine und nicht gegeneinander.

Es ist eine Binsenweisheit, dass nur Spieler, die in ihrem Stammverein gezeigt haben, dass sie auch über eine längeren Zeitraum Verantwortung und eine tragende Rolle in Sachen Präsenz und Spielintelligenz übernommen haben, über einen Wechsel in nächsthöhere Ligen nachdenken sollten. Wer zu früh wechselt, wird spätestens in den Folgejahren merken, wie schwer es ist sich in einem neuen Umfeld durchzusetzen, wenn genau diese Erfahrungen dann mit einem Mal fehlen. Den Spielerinnen, die zu früh gehen, kann man dabei überhaupt keinen Vorwurf machen. Diese Verantwortung tragen die Clubs, die sich an so einem Geschacher beteiligen.

Unsere HSG Siebengebirge geht hier einen anderen und wie ich finde vorbildlichen Weg. Wir wollen Spieler aus den eigenen Reihen entwickeln und auch langfristig an uns binden. Denn was gibt es schöneres im Frauenhandball, als mit Freundinnen die Leidenschaft für den Handballsport zu teilen und gemeinsam damit „groß“ zu werden. Genau dieser soziale Aspekt unserer Sportart wird durch einige Clubs leider nicht erkannt oder bewusst im Sinne von Eigeninteressen einfach hinten an gestellt. Diese Clubs machen aus sehr jungen Spielerinnen bereits  Söldner ohne jedweden Halt und Bindung. Ob das am Ende dann junge Menschen in ihrem Sport langfristig sportlich weiterbringt und glücklich macht? Ich würde das als Trainer und auch Vater von 3 Töchtern, die alle ihrem Sport und ihrem Verein sehr verbunden sind, kritisch hinterfragen.

HSG: Zum Schluss noch: Es ging alles so schnell. Bleiben alle Spielerinnen soweit an Bord – ist ja ein kritisches Alter? Und vor allem, steht das Trainerteam weiter zur Verfügung?

AB: Wir sind trotz der Corona-Krise sehr optimistisch, bis auf ganz wenige Ausnahmen alle jungen Damen auch in der Zukunft am Sonnenhügel zu sehen.

Natürlich freuen wir uns darüber hinaus über jedes Mädchen und jede junge Dame, die vielleicht auch als Neuzugang aus eigenen Stücken den Weg zu uns findet. Handball ist ein so phantastischer Sport gerade auch für Mädchen. Sei es für deren sportliche und auch soziale Entwicklung. Insofern: Einfach vorbeischauen und mitmachen. Unsere Hallentür ist immer offen.

Was unserer Trainerteam angeht, so ist unserer Weg mit diesen Spielerinnen noch lange nicht zu Ende. Wir haben als Betreuerteam genauso viel Spaß am Handball wie die Spielerinnen selber. Und was gibt es schöneres, als Teil der HSG Familie einen Beitrag für unseren großartigen Sport zu leisten.

 

Nach der Saison ist vor der Saison und so sind wir gespannt, wo sich die nun neu formierte Gruppe der weiblichen A-Jugend in der kommenden Spielzeit einordnen wird. Sicher ist nur, dass für die nächste Spielzeit keine Qualifikationsspiele ausgetragen werden.

An dieser Stelle auch der ausdrückliche Dank an alle „Starken Partner“ der HSG, die sich als Sponsoren für die Mannschaft engagiert haben. Und selbstverständlich auch allen Gönnern im Umfeld und den Eltern, die gemeinsam den großen und kleinen Rahmen für die Organisation und Durchführung einer solchen Saison erst ermöglicht haben.

Allen Lesern und Mitgliedern der HSG Siebengebirge wünschen wir, dass sie gut durch diese Zeit kommen mögen.

HSG olé

Dieter Klein